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Lange klang das Thema digitaler Abhängigkeit wie ein Streit aus Konferenzen, Strategiepapieren und Fachrunden. Jetzt ist daraus eine ziemlich handfeste Machtfrage geworden. Denn in vielen Behörden, Parlamenten und öffentlichen Einrichtungen läuft fast alles über Programme und Dienste aus den USA. Das ist bequem, eingespielt und auf den ersten Blick effizient. Aber genau darin liegt das Problem.

Sobald Politik und Technik aneinandergeraten, wird aus Bequemlichkeit schnell ein Risiko. Denn wer seine Kommunikation, seine Daten und ganze Arbeitsabläufe auf wenige große Anbieter stützt, gibt ein Stück Kontrolle aus der Hand. Genau deshalb wird in Europa inzwischen deutlich ernster darüber gesprochen, wie man sich aus dieser Abhängigkeit lösen kann.

Der Warnschuss kam nicht aus der IT-Abteilung

Dass es hier nicht nur um graue Theorie geht, wurde vielen erst klar, als ein Richter des Internationalen Strafgerichtshofs durch US-Sanktionen den Zugriff auf sein Microsoft-Konto verlor. Weg war damit nicht nur ein Login, sondern auch der Zugang zu Kommunikation und Unterlagen. So ein Fall wirkt wie ein Schockmoment. Denn plötzlich steht die Frage im Raum, was passiert, wenn digitale Infrastruktur nicht mehr nur Technik ist, sondern Druckmittel.

Spätestens da wurde deutlich: Wer von fremden Plattformen abhängt, ist nicht nur Kunde. Er ist im Zweifel auch verwundbar. Genau das treibt nun Regierungen und Verwaltungen um. Nicht, weil morgen alle Systeme abgeschaltet werden. Sondern weil allein die Möglichkeit reicht, um nervös zu machen.

Frankreich handelt, Deutschland prüft

In Europa wächst deshalb der Wille, eigene Wege zu gehen. Frankreich geht dabei besonders sichtbar voran. Dort wird mit „Visio“ eine eigene Lösung für Videokonferenzen auf den Weg gebracht, die auf offenem Quellcode basiert und für eine große Zahl von Staatsbediensteten gedacht ist. Das ist mehr als nur ein neues Programm. Es ist ein Signal: Man will sich nicht dauerhaft darauf verlassen, dass zentrale Werkzeuge von außen kommen.

Auch in Deutschland bewegt sich etwas. Im Bundestag wird der gesamte digitale Unterbau auf den Prüfstand gestellt. Gleichzeitig gewinnt „openDesk“, die vom Zentrum für Digitale Souveränität unterstützte Arbeitsplattform, langsam an Gewicht. Die Nutzerzahlen steigen, das Interesse wächst. Das alles zeigt: Das Thema ist nicht mehr nur ein schöner Begriff für Sonntagsreden.

Das eigentliche Problem ist nicht die Software

So verlockend die Debatte über Technik auch ist – der schwierigste Teil liegt woanders. Neue Programme kann man einführen. Systeme kann man umbauen. Viel schwerer ist es, Gewohnheiten zu ändern und politischen Druck wirklich auszuhalten. Wer jahrelang mit denselben Produkten gearbeitet hat, will oft gar keinen Wechsel. Dazu kommen komplizierte Vergaben, langsame Behörden und Anbieter, die längst tief in den Strukturen sitzen.

Genau hier entscheidet sich, ob Europas Wunsch nach digitaler Eigenständigkeit mehr ist als ein schicker Begriff. Solange man Unabhängigkeit fordert, aber weiter Milliarden in alte Strukturen steckt, bleibt der Wandel halbherzig. Der Bund zahlt jedes Jahr enorme Summen für Microsoft-Lizenzen. Das zeigt, wie eng die Bindung längst geworden ist.

Am Ende geht es deshalb nicht um die Frage, ob Europa technisch aus der Microsoft-Welt herauskommen könnte. Natürlich könnte es das. Die wichtigere Frage ist, ob man den Ärger, die Umstellung und die Mühe eines echten Kurswechsels wirklich aushalten will.

Der kritische Blick darauf fällt entsprechend nüchtern aus: Europa redet gerne von Souveränität, solange sie nichts kostet. Genau da liegt das Problem. Wer unabhängig sein will, muss aufhören, digitale Selbstständigkeit nur als Schlagwort zu behandeln. Sonst bleibt am Ende alles beim Alten – nur mit noch mehr Papieren, noch mehr Gipfeln und noch denselben Programmen auf dem Bildschirm.

 

Quelle: heise.de

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