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22.000 Dateien und ein brisanter Jobwechsel
Wie heise.de in Bezugnahme auf das Handelsblatt berichtet, steht SAP, Deutschlands Software-Vorzeigeunternehmen, plötzlich unter Feuer – und das nicht nur symbolisch. Der US-Konkurrent o9 Solutions hat in den USA Klage eingereicht: Drei Ex-Führungskräfte von o9, die mittlerweile für SAP arbeiten, sollen mehr als 22.000 vertrauliche Dateien gestohlen und beim Wechsel mitgenommen haben.
Es geht um hochsensible Geschäftsgeheimnisse – und um einen Vorwurf, der im Tech-Business Sprengstoff ist. o9 wirft SAP eine „aggressive Kampagne“ vor, mit der gezielt Kunden abgeworben und Geschäftsbereiche kopiert worden sein sollen. Im Zentrum des Vorwurfs: SAPs IBP-Software (Integrated Business Planning), die laut o9 nach dem Daten-Diebstahl stark an deren eigene Lösungen erinnert.
SAP: Freistellung statt Fehlereingeständnis
SAP selbst weist die Vorwürfe bisher zurück. Eine Sprecherin sagte, dass es „keine Hinweise auf Fehlverhalten des Unternehmens“ gebe. Dennoch hat SAP drei Führungskräfte – ausgerechnet jene, die zuvor bei o9 beschäftigt waren – freigestellt. Oder wie es offiziell heißt: Die drei Personen „scheiden derzeit aus dem Unternehmen aus“.
Warum SAP diesen Schritt geht, obwohl angeblich keine Schuld vorliegt? Das bleibt offen. Klar ist nur: Der Fall gilt intern als „heikel“, berichten Konzerninsider. Und wenn man sich die Umstände anschaut, überrascht das wenig.
Denn laut Handelsblatt argumentiert SAP juristisch damit, dass das Gericht in Texas gar nicht zuständig sei – schließlich seien die drei Manager niederländische Staatsbürger, die von der o9-Niederlassung in den Niederlanden zur SAP-Niederlassung in den Niederlanden wechselten. Klingt kompliziert – und genau danach sieht es aus.
Wettbewerb oder Wirtschaftskrimi?
o9 ist überzeugt: Der Wechsel war kein Zufall, sondern Teil einer gezielten Strategie. SAP habe nicht nur Personal, sondern gleich ganze Ideen mitgenommen – inklusive vertraulicher Kundeninformationen. Als Beispiel nennt o9 unter anderem Henkel, einen ehemaligen Top-Kunden, der jetzt offenbar bei SAP gelandet ist.
Auch funktionale Ähnlichkeiten zwischen den Produkten und Marketingmaterialien werden angeführt. Der Vorwurf lautet: SAP habe sein Angebot gezielt so angepasst, dass es dem von o9 „täuschend ähnlich“ sei – dank des Insiderwissens, das durch den Personalwechsel mitgewandert sein soll.
Wie wir das einschätzen
Es geht nicht nur um Dateien – sondern um Vertrauen. Und egal, wie dieser Fall am Ende juristisch ausgeht: Der Imageschaden für SAP ist da. Drei Führungskräfte freizustellen, ohne klaren Grund zu nennen, wirkt nicht souverän – sondern wie ein vorauseilender Rettungsversuch.
Wenn Konzerne anfangen, nicht nur Köpfe, sondern gleich ganze Datenbanken zu „übernehmen“, wird die Grenze zwischen Wettbewerb und Wirtschaftskriminalität gefährlich unscharf. Und der Trick, den Gerichtsort in Frage zu stellen, ist ein Klassiker, der kaum nach echter Transparenz klingt.
Die Tech-Welt lebt von Innovation, nicht von gut kopiertem Know-how. Wer also glaubt, sich mit ein paar Maus-Klicks strategische Vorteile zu verschaffen, riskiert mehr als nur eine Klage. Nämlich den Ruf – und den kann man nicht einfach zurückkopieren.
Quellen: handelsblatt.de, heise.de




