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Künstliche Intelligenz ist für viele Unternehmen noch ein Experiment. Für den amerikanischen Unternehmer Matthew Gallagher war sie dagegen offenbar der entscheidende Hebel. Wie die New York Times berichtet, hat er eine Firma aufgebaut, die in diesem Jahr auf rund 1,8 Milliarden Dollar Umsatz kommen soll – mit aktuell nur zwei festen Mitarbeitern. Das klingt wie eine Geschichte aus dem Silicon Valley. Tatsächlich zeigt der Fall aber vor allem, wie stark sich Geschäftsmodelle gerade verändern.

Ein Start aus dem Wohnzimmer

Gallagher gründete Medvi von seinem Zuhause in Los Angeles aus. Nach den bekannten Angaben investierte er nur rund 20.000 Dollar und brauchte etwa zwei Monate, um die Firma an den Start zu bringen. Die Idee dahinter war nicht besonders neu: Medvi vermittelt Telemedizin-Angebote rund um GLP-1-Medikamente zum Abnehmen. Neu war vor allem die Art, wie Gallagher das Unternehmen aufbaute.

Er setzte künstliche Intelligenz dort ein, wo sonst ganze Teams arbeiten würden. Programme halfen beim Schreiben von Code, bei Texten für die Website, bei Werbeanzeigen und beim Kundenservice. Auch Auswertungen zur Entwicklung des Geschäfts liefen automatisiert. Aufgaben, die sich nicht sinnvoll digital lösen ließen, gab er an externe Partner ab.

Das Wachstum kam mit voller Wucht

Der Erfolg stellte sich offenbar schnell ein. Schon im ersten Monat verzeichnete Medvi 300 Kunden, im zweiten kamen weitere 1.000 hinzu. Im ersten vollen Geschäftsjahr 2025 erzielte das Unternehmen laut Bericht 401 Millionen Dollar Umsatz. Danach holte Gallagher seinen Bruder ins Unternehmen. Mehr feste Mitarbeiter gibt es bis heute nicht.

Besonders bemerkenswert ist dabei: Medvi ist kein klassisches KI-Unternehmen. Die Firma verkauft keine neue Technologie, sondern nutzt vorhandene Werkzeuge, um ein bestehendes Modell schneller und günstiger aufzuziehen als viele Konkurrenten. Genau das macht den Fall so interessant. Er zeigt, dass KI nicht nur neue Produkte hervorbringt, sondern auch alte Geschäftsmodelle radikal beschleunigen kann.

Effizient, aber nicht fehlerfrei

Ganz reibungslos lief der Aufstieg allerdings nicht. Berichten zufolge machte der Kundenservice-Chatbot teils falsche Angaben, erfand Preise oder beantwortete Fragen ungenau. Auch bei Werbung und Außendarstellung gab es Ärger. Zudem wurde deutlich, dass extrem schlanke Strukturen nicht nur Vorteile haben. Wenn fast alles an einer Person hängt, kann schon eine kleine technische Panne schnell teuer werden.

Trotzdem ist der wirtschaftliche Effekt kaum zu übersehen. Medvi wuchs in kurzer Zeit stark, arbeitete profitabel und expandierte bereits in weitere Gesundheitsbereiche. Gallagher selbst scheint darin eher eine Bestätigung zu sehen, dass große Teams nicht immer ein Vorteil sind. Wer schneller entscheidet und weniger Abstimmung braucht, kann Märkte heute offenbar deutlich aggressiver besetzen.

Der eigentliche Sprengstoff liegt woanders

So beeindruckend die Zahlen wirken: Noch spannender ist die Frage, was solche Geschichten für den Arbeitsmarkt bedeuten. Wenn zwei Menschen mit KI ein Unternehmen dieser Größe aufbauen können, dann ist das nicht nur eine Gründerstory, sondern auch ein Warnsignal. Viele Aufgaben, für die früher Entwickler, Servicekräfte, Werbeleute und Analysten gebraucht wurden, lassen sich inzwischen zumindest teilweise automatisieren.

Genau darin liegt die eigentliche Brisanz. KI macht Unternehmen nicht nur schneller. Sie macht sie auch personell deutlich schlanker. Für Unternehmer ist das verlockend. Für Beschäftigte ist es eine ziemlich unbequeme Nachricht.

Der kritische Blick darauf fällt daher gemischt aus: Beeindruckend ist nicht, dass KI Arbeit erleichtert. Beeindruckend ist, wie schnell sie ganze Unternehmensstrukturen zusammenschiebt. Aber eine Firma nur nach Effizienz zu bewerten, greift zu kurz. Wer nur noch feiert, dass zwei Leute Milliarden umsetzen, übersieht leicht, was dabei verloren geht: Kontrolle, Erfahrung, Verantwortung und am Ende vielleicht auch jedes Maß.

 

Quelle: nytimes.com

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