Ein bekanntes Gesicht, ein scheinbar exklusiver Anlagetipp und wenige Klicks später landet das Geld bei Betrügern. Was lange wie eines der unvermeidbaren Risiken sozialer Netzwerke behandelt wurde, könnte für Plattformbetreiber zunehmend zum eigenen Problem werden.
Das Landgericht Frankfurt hat in einem Streit zwischen der Finanzplattform Finanzfluss und dem Facebook-Mutterkonzern Meta entschieden, dass Meta eine Geldzahlung leisten und die weitere Verbreitung der beanstandeten rechtswidrigen Inhalte auf seinen Plattformen unterbinden muss. Hält sich der Konzern nicht an die gerichtlichen Vorgaben, können Zahlungen von bis zu 250.000 Euro drohen. Auslöser des Verfahrens waren gefälschte Accounts und Deepfakes, die den Namen von Finanzfluss oder das Gesicht von Gründer Thomas Kehl für angebliche Anlagetipps nutzten.
Dabei ist weniger die vergleichsweise geringe Geldzahlung entscheidend. Wesentlich wichtiger ist die Frage, welche Verantwortung große Plattformen für rechtswidrige Inhalte tragen, die über ihre Systeme verbreitet werden. Für Facebook, Instagram und andere große Plattformen könnte genau dieser Punkt in Zukunft noch erhebliche Bedeutung bekommen.
Mit dem Gesicht eines anderen auf Kundenfang
Seit 2024 sollen auf Facebook und Instagram immer wieder Accounts aufgetaucht sein, die den Namen der bekannten Finanzplattform Finanzfluss oder das Gesicht ihres Gründers Thomas Kehl nutzten.
Das Prinzip ist ebenso einfach wie gefährlich: Menschen sehen eine bekannte Person und verbinden mit ihr Vertrauen. Angeblich gibt es besondere Anlagetipps oder exklusive Möglichkeiten, Geld zu investieren. Interessierte werden anschließend beispielsweise in private Chatgruppen gelockt. Dort warten dann nicht Thomas Kehl oder Finanzfluss, sondern mutmaßliche Betrüger mit zweifelhaften Angeboten.
Der Schaden trifft dabei gleich zwei Seiten. Verbraucher können Geld verlieren. Gleichzeitig leidet der Ruf der Personen und Unternehmen, deren Namen, Bilder oder künstlich erzeugte Videos für den Betrug verwendet werden.
Finanzfluss-Gründer Thomas Kehl bewertet die Entscheidung des Landgerichts entsprechend deutlich: „Es ist ein wichtiger Schritt zum Schutz vor weitverbreitetem Finanzbetrug, von dem immer mehr Menschen betroffen sind. Ich hoffe, wir haben damit den Stein ins Rollen gebracht, um die Rechtsprechung in die richtige Richtung zu entwickeln.“
Meta verdient mit Werbung – und genau das macht die Sache brisant
Hinter dem Streit steckt eine grundsätzliche Frage: Wie viel Verantwortung trägt ein Unternehmen, dessen Plattform nicht nur fremde Inhalte beherbergt, sondern diese mit technischen Systemen sortiert, verteilt und teilweise als bezahlte Werbung ausspielt?
Das ist bei Meta besonders relevant, weil Werbung den mit Abstand größten Teil des Geschäfts ausmacht. Finanzfluss hatte dem Konzern vorgeworfen, nicht ausreichend gegen betrügerische Profile und Anzeigen vorzugehen.
Für Betroffene stellt sich deshalb eine einfache Frage: Kann sich eine Plattform darauf berufen, lediglich die technische Bühne bereitzustellen, wenn ihre eigenen Systeme darüber entscheiden, welche Anzeigen Nutzer zu sehen bekommen?
Löschen allein könnte künftig nicht mehr reichen
Der Frankfurter Fall steht nicht isoliert da. Bereits andere Betroffene sind wegen gefälschter oder missbräuchlich verwendeter Inhalte gegen Meta vorgegangen.
Besonders bekannt ist der Fall des Arztes und Moderators Eckart von Hirschhausen. Sein Name und sein Erscheinungsbild wurden für Werbung mit fragwürdigen Diätprodukten verwendet. Das Oberlandesgericht Frankfurt entschied 2025, dass Meta nach einem Hinweis auf solche Inhalte nicht einfach nur die gemeldete Anzeige löschen darf. Der Konzern muss auch nach weiteren Beiträgen suchen, die denselben oder einen sehr ähnlichen rechtswidrigen Inhalt verbreiten, und diese ebenfalls entfernen.
Das ist angesichts moderner KI besonders relevant. Bilder, Stimmen und Videos lassen sich heute schnell verändern und erneut veröffentlichen. Würde eine Plattform immer nur exakt den gemeldeten Beitrag entfernen, könnten Betrüger kurze Zeit später mit einer leicht veränderten Version weitermachen.
Zwischen Betrugsschutz und zu viel Kontrolle
Genau hier beginnt allerdings die schwierige Seite der Debatte. Je stärker Plattformen verpflichtet werden, selbstständig nach ähnlichen rechtswidrigen Inhalten zu suchen, desto wichtiger wird die Frage, wie zuverlässig sie zwischen illegalen und legalen Beiträgen unterscheiden können.
Automatisierte Systeme arbeiten nicht fehlerfrei. Werden die Vorgaben für das Löschen sehr weit gefasst, besteht deshalb das Risiko, dass auch rechtmäßige Beiträge erfasst werden. Plattformen könnten zudem versucht sein, im Zweifel eher zu viel als zu wenig zu entfernen, um mögliche Konsequenzen zu vermeiden. Damit berührt die Diskussion auch die Frage, wie die Meinungsfreiheit der Nutzer geschützt werden kann.
Die Lösung kann deshalb nicht darin bestehen, Facebook und Instagram zur vorsorglichen Kontrolle jedes einzelnen Beitrags zu verpflichten. Gleichzeitig erscheint es wenig überzeugend, bekannte Betrugsmuster immer nur dann zu entfernen, wenn Betroffene sie erneut melden.
Die Balance zwischen wirksamem Schutz vor Betrug und dem Erhalt rechtmäßiger Inhalte dürfte deshalb zu einer der schwierigsten Fragen im Umgang mit großen Onlineplattformen werden.
Der Digital Services Act verändert die Spielregeln
Eine wichtige Grundlage dafür ist der europäische Digital Services Act, kurz DSA. Die Regeln gelten seit 2024 vollständig und sollen unter anderem dafür sorgen, dass große Onlineplattformen systematische Gefahren nicht einfach ignorieren können.
Dazu gehört auch die Verbreitung rechtswidriger Inhalte. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass Plattformen pauschal sämtliche Beiträge ihrer Nutzer überwachen müssen.
Oliver Marsh von Algorithmwatch beschreibt die Schwierigkeit dabei so: „Der DSA lässt viel Interpretationsspielraum. Plattformen müssen nicht alle Inhalte überwachen, aber sie müssen systematische Risiken einschätzen und dagegen vorgehen, sofern sie über entsprechende Systeme verfügen.“
Damit geht es nicht um eine pauschale Pflicht, sämtliche Inhalte vorsorglich zu kontrollieren. Vielmehr müssen Gerichte Stück für Stück bestimmen, welche Maßnahmen von Plattformen verlangt werden können, wenn bestimmte Risiken oder konkrete rechtswidrige Inhalte bereits bekannt sind.
Für Meta geht es um mehr als eine Geldzahlung
Die Geldzahlung, die Meta aufgrund des Frankfurter Urteils leisten muss, dürfte für einen Konzern dieser Größe wirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen. Entscheidender ist die Verpflichtung, gegen die weitere Verbreitung der beanstandeten rechtswidrigen Inhalte vorzugehen. Bei Verstößen gegen die gerichtlichen Vorgaben können Zahlungen von bis zu 250.000 Euro drohen.
Meta lehnt die Entscheidung ab und prüft weitere Schritte. Der Konzern verweist darauf, bereits erhebliche Maßnahmen gegen Betrug ergriffen zu haben und seine KI-basierten Schutzmechanismen weiter auszubauen.
Ob und in welcher Form die Entscheidung des Gerichts Bestand haben wird, bleibt daher abzuwarten.
legaldata: Verantwortung ja – aber nicht um jeden Preis
Die eigentliche Bedeutung dieses Falls steckt nicht in einer einzelnen betrügerischen Facebook-Anzeige. Es geht vielmehr um die Frage, welche Verantwortung ein Unternehmen trägt, das mit Werbung Milliarden verdient und mit seinen Algorithmen darüber entscheidet, welche Anzeigen Millionen von Menschen zu sehen bekommen.
Plattformen können Werbung automatisiert prüfen, Zielgruppen bestimmen und Inhalte innerhalb kürzester Zeit an sehr viele Menschen ausspielen. Dann stellt sich zwangsläufig die Frage, warum dieselben technischen Möglichkeiten nicht noch konsequenter eingesetzt werden können, wenn ein bestimmtes Betrugsmuster bereits bekannt ist.
Niemand kann von Meta verlangen, jeden Betrugsversuch vorherzusehen. Aber wenn immer wieder dieselben Gesichter, Namen und Versprechen für betrügerische Anzeigen verwendet werden, darf die dauerhafte Antwort nicht allein aus „Melden und Löschen“ bestehen.
Die andere Seite darf dabei allerdings nicht untergehen. Eine Plattform, die aus Angst vor Konsequenzen vorsorglich alles entfernt, was auch nur verdächtig erscheint, wäre ebenfalls keine überzeugende Lösung. Schutz vor Betrug darf nicht dazu führen, dass rechtmäßige Inhalte unnötig verschwinden.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung: Plattformen müssen bekannte Betrugsmuster wirksam bekämpfen, ohne dabei zum vorsorglichen Löschen legaler Inhalte überzugehen. Das Frankfurter Urteil ist deshalb vor allem eines: ein weiteres Signal, dass sich große Plattformen der Verantwortung für das, was über ihre Systeme verbreitet wird, nicht einfach entziehen können.




