„Anonym“ war gestern: Werbung wird zur Überwachung
Was als harmloses App-Tracking verkauft wird, entpuppt sich als mächtiges Werkzeug zur Überwachung: Firmen, die auf Werbedaten zugreifen, können Menschen weltweit identifizieren und verfolgen – mit erschreckender Präzision. netzpolitik.org berichtet und bezieht sich auf eine Recherche der französischen Zeitung Le Monde, die zeigt, wie ADINT-Firmen – also Anbieter von „Advertising Intelligence“ – ihre Dienste offen europäischen Behörden anbieten. Und sie versprechen viel: „Jedes Gerät. Jederzeit. Überall.“
Die Branche agiert im Verborgenen, sammelt Standortdaten über ganz normale Apps – Wetterdienste, Spiele, Social Media – und verwandelt sie in Profile mit echtem Wiedererkennungswert. Die zentrale Komponente: Werbe-IDs, also eindeutige Kennungen, die jedes Smartphone automatisch sendet. Diese Daten werden dann mit Zeit- und Ortsstempeln angereichert, auf Servern gespeichert und systematisch ausgewertet – ohne dass die Nutzer*innen es merken oder zustimmen.
Die Spur der Daten: Von der App bis zum Geheimdienst
Wer glaubt, dass Werbedaten nur für nervige Pop-ups verwendet werden, liegt daneben. Laut Le Monde gibt es mindestens 15 internationale Firmen – unter anderem aus Israel, Italien und den USA –, die aus solchen Daten ganze Bewegungsprofile erstellen. Der Trick dabei: Die angeblich „anonymen“ IDs lassen sich mithilfe von zusätzlichen Informationen eindeutig einzelnen Personen zuordnen. So wird aus einer zufälligen Ziffernfolge ein echter Mensch mit Aufenthaltsort, Routinen und sozialen Kontakten.
Ein italienischer Anbieter behauptet sogar, mit Hilfe dieser Technik 95 Prozent aller Smartphones in Italien deanonymisieren zu können. Namen wie Penlink, Rayzone, Wave Guard oder Cognyte werden in diesem Zusammenhang genannt – alles Firmen, die aktiv auf Fachmessen auftreten und ihre Dienste an Geheimdienste, Polizeibehörden und auch private Unternehmen verkaufen.
Von Grenzkontrollen bis Bankensicherheit – alles ist Ziel
Die Anwendungsbereiche? Vielschichtig – und nicht weniger problematisch. In Präsentationen gegenüber Behörden wurde unter anderem gezeigt, wie man Handys an Grenzübergängen scannen kann, um regelmäßig auftauchende Geräte zu identifizieren. Die Idee dahinter: Schleuser und Migrant*innen erkennen, noch bevor sie überhaupt befragt werden. Auch in der Finanzbranche wird laut Bericht mit diesen Daten gearbeitet – etwa zur „Betrugsprävention“ bei Banken.
Dass solche Methoden in den USA längst im Einsatz sind, ist bekannt. Auch dort nutzt die Einwanderungsbehörde ICE ADINT-Daten, um Menschen gezielt aufzuspüren. Ob deutsche Behörden ebenfalls Zugriff auf solche Dienste haben, bleibt unklar – denn die Bundesregierung weigert sich, auf parlamentarische Anfragen zu antworten.
Kommentar: Tracking für Werbung? Oder für Kontrolle?
Was hier aufgedeckt wurde, ist mehr als ein technisches Schlupfloch – es ist ein digitales Überwachungsnetz, durch das jede*r von uns potenziell verfolgbar wird. Der Clou: Die Daten stammen nicht von Geheimdiensten oder Hackerangriffen, sondern direkt aus der Werbebranche. Und während Millionen Menschen täglich ihr Smartphone nutzen, arbeiten stille Datenströme im Hintergrund – ganz legal, ganz systematisch.
Dass Behörden und Firmen solche Angebote prüfen oder sogar nutzen, ist eine klare Gefahr für Datenschutz und Privatsphäre. Die „anonyme Werbe-ID“ ist ein Märchen – spätestens, wenn die Technik dahinter verspricht, Menschen in Echtzeit zu erkennen und zu lokalisieren.
Und die Politik? Schweigt oder zuckt mit den Schultern. Dabei wäre genau jetzt der Moment, diese Art von Überwachung nicht nur zu hinterfragen, sondern grundsätzlich zu verbieten. Wer aus Werbetracking staatliche Spionage macht, hat die Kontrolle längst verloren – nur merkt es (noch) nicht jeder.
Quelle: netzpolitik.org




