Facebook, Instagram und Threads könnten vor einem grundlegenden Kurswechsel stehen: Statt unabhängige Faktenchecker einzusetzen, will Meta künftig stärker auf seine Nutzer setzen. Das Prinzip erinnert an „Community Notes“, wie sie bereits auf der Plattform X von Elon Musk eingesetzt werden.

Was zunächst nach mehr Beteiligung und Meinungsfreiheit klingt, wirft allerdings eine unbequeme Frage auf: Was passiert, wenn die Mehrheit nicht recht hat?

Faktencheck war gestern – jetzt soll die Community entscheiden

Meta-Chef Mark Zuckerberg hatte bereits angekündigt, das bisherige System der Faktenprüfung zunächst in den USA zurückzufahren. Statt professioneller Prüfer sollen künftig zunehmend die Nutzer selbst für Hinweise und Einordnungen sorgen.

Das Grundprinzip ist einfach: Ein Beitrag wird als problematisch oder irreführend empfunden, andere Nutzer können zusätzlichen Kontext liefern. Dieser soll den Lesern helfen, eine Aussage besser einzuordnen.

Das klingt demokratisch. Schließlich sollen nicht mehr allein von Meta ausgewählte Organisationen darüber entscheiden, welche Information als falsch oder irreführend gilt.

Doch genau hier liegt das Problem.

Denn die Frage, ob eine Behauptung stimmt, lässt sich nicht immer durch eine Abstimmung beantworten. Bei politischen Themen, wissenschaftlichen Fragen oder Ereignissen mit kompliziertem Hintergrund kann es entscheidend sein, wer Informationen überprüft, welche Quellen verwendet werden und wie sorgfältig gearbeitet wird.

Das von Meta eingesetzte Oversight Board warnt deshalb davor, Community Notes einfach als Ersatz für das bisherige Faktencheck-System zu betrachten.

„Wir fordern Meta nachdrücklich auf, Community Notes nicht als direkten Ersatz für Faktenchecks zu betrachten und alle Instrumente zu nutzen, die der Herausforderung durch Falschinformationen auf den Plattformen am besten gerecht werden“

Meta bekommt Gegenwind aus den eigenen Kontrollstrukturen

Das Oversight Board ist eine besondere Einrichtung innerhalb des Meta-Systems. Das Gremium nahm 2020 seine Arbeit auf und beschäftigt sich unter anderem mit schwierigen Fragen rund um Inhalte auf Facebook und anderen Plattformen des Konzerns.

Besetzt ist es unter anderem mit Menschenrechtlern, Journalisten und ehemaligen Politikern. Gleichzeitig wird das Gremium von Meta finanziert, soll aber unabhängig arbeiten.

Dass ausgerechnet dieses Gremium nun vor einer zu einfachen Lösung warnt, macht die Diskussion besonders interessant.

Das Board erkennt durchaus Vorteile in den Community Notes. Sie könnten Diskussionen erweitern und Nutzern zusätzliche Informationen geben. Gleichzeitig besteht nach Ansicht des Gremiums aber die Gefahr, dass dadurch konkrete Schäden entstehen.

Der entscheidende Punkt: Eine Plattform mit Milliarden Nutzern ist kein gewöhnlicher Stammtisch. Was dort verbreitet wird, kann innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen erreichen.

Das Vorbild heißt Elon Musk

Das neue Modell erinnert stark an die Vorgehensweise bei X. Auch dort können Nutzer sogenannte Community Notes verfassen und damit Beiträge mit zusätzlichem Kontext versehen.

Meta testet ein vergleichbares System zunächst in 16 spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas. Dazu gehören unter anderem Mexiko, Argentinien, Chile, Kolumbien und Peru.

Noch sind die dort eingereichten Hinweise im Pilotprojekt nicht für alle Nutzer sichtbar. Meta will offenbar zunächst herausfinden, ob das System zuverlässig funktioniert.

Grundsätzlich bietet die stärkere Einbindung der Nutzer durchaus Chancen. Eine große Community kann Fehler entdecken, zusätzliche Quellen liefern und auf Aspekte aufmerksam machen, die professionellen Prüfern möglicherweise entgehen. Unterschiedliche Perspektiven können zudem dazu beitragen, dass nicht einzelne Personen oder Institutionen zu viel Einfluss auf die öffentliche Diskussion erhalten.

Aber auch das Gegenteil ist möglich.

Eine gut organisierte Gruppe könnte versuchen, bestimmte Beiträge gezielt zu beeinflussen. Falschinformationen könnten durch viele Nutzer unterstützt werden, während korrekte Informationen untergehen. Gerade bei emotionalen politischen Themen ist das eine große Gefahr.

Wenn Desinformation zur politischen Waffe wird

Besonders brisant wird das Thema bei Wahlen und gesellschaftlichen Krisen.

Falschmeldungen sind nicht nur ein Problem, weil jemand eine unwahre Behauptung auf Facebook liest. Sie können politische Entscheidungen beeinflussen, gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aufbringen und in angespannten Situationen sogar reale Konflikte verschärfen.

Genau deshalb haben Kritiker Angst davor, dass professionelle Faktenprüfung zu schnell durch ein System ersetzt wird, bei dem die Nutzer selbst für die Einordnung verantwortlich sind.

Mark Zuckerberg hatte die Veränderung dagegen unter anderem mit Kritik am bisherigen Faktencheck-Modell begründet. Im Januar 2025 erklärte er, dass Faktenprüfer in den USA „einfach politisch zu voreingenommen“ gewesen seien und „in den USA mehr Vertrauen zerstört als geschaffen“ hätten.

Auch Donald Trump hatte Faktenchecks in sozialen Netzwerken wiederholt als „Zensur“ bezeichnet.

Damit bekommt die Entscheidung eine politische Dimension. Es geht längst nicht mehr nur um die technische Frage, wie ein sozialer Netzwerkbeitrag gekennzeichnet wird. Es geht um die grundsätzliche Frage, wer im digitalen Zeitalter darüber entscheidet, welche Informationen Menschen für glaubwürdig halten.

Die eigentliche Herausforderung liegt bei Meta selbst

Am Ende muss Meta eine richtige Balance finden. Der Konzern muss Meinungsfreiheit ermöglichen, darf aber gleichzeitig nicht so tun, als hätte die Plattform keinerlei Verantwortung für die Folgen ihres Geschäftsmodells.

Wer Milliarden Menschen miteinander verbindet und mit einem bestimmten Beitrag erhebliche Reichweite erzeugen kann, hat zwangsläufig Einfluss.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Faktenchecks gut oder schlecht sind. Die bessere Frage lautet: Welches System verhindert Falschinformationen möglichst zuverlässig, ohne legitime Meinungen unnötig zu unterdrücken?

Darauf gibt es vermutlich keine einfache Antwort.

Meta sollte deshalb nicht zwischen „Faktencheck“ und „Community Notes“ wählen, als müsse eines von beiden verschwinden. Sinnvoller wäre ein Zusammenspiel verschiedener Kontrollmechanismen. Nutzer können zusätzlichen Kontext liefern. Fachleute können komplizierte Tatsachen überprüfen. Und Meta muss transparent erklären, nach welchen Regeln Inhalte behandelt werden.

Was legaldata davon hält

Die Idee, die Nutzer stärker einzubeziehen, ist nicht grundsätzlich schlecht. Im Gegenteil: Eine große Community kann Fehler finden, zusätzliche Quellen liefern und auf Aspekte aufmerksam machen, die professionellen Prüfern möglicherweise entgehen.

Aber die Vorstellung, dass die „Weisheit der Masse“ automatisch zu besseren Informationen führt, ist gefährlich naiv.

Wenn hundert Menschen behaupten, dass etwas falsch ist, wird es dadurch nicht falsch. Und wenn hundert Menschen eine Falschinformation bestätigen, wird sie dadurch schon gar nicht wahr.

Aus Sicht von legaldata wäre es deshalb ein Fehler, professionelle Faktenprüfung einfach gegen ein digitales Mehrheitsprinzip auszutauschen. Mehr Meinungsfreiheit darf nicht mit weniger Verantwortung verwechselt werden.

Meta sollte Community Notes als zusätzliches Werkzeug verstehen – nicht als bequemen Weg, Verantwortung abzugeben. Denn wenn am Ende nur noch die Lautesten darüber entscheiden, was als Wahrheit erscheint, gewinnt nicht automatisch die Wahrheit. Es gewinnt zunächst einmal derjenige mit der größten Reichweite.

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