Wenn Apps mehr zerstören als verbinden
In den USA hat der erste große Musterprozess gegen die ganz Großen der Tech-Welt begonnen: Meta (Facebook & Instagram) und Alphabet (YouTube) stehen in Los Angeles vor Gericht. Der Vorwurf? Ihre Plattformen sollen junge Menschen krank machen.
Konkret geht es um eine 19-Jährige, die unter Angststörungen und Depressionen leidet – und Social Media dafür mitverantwortlich macht. Und sie ist kein Einzelfall. Grace Go, heute Anfang 20, sagte im US-TV ganz offen: „Der Algorithmus hat mich reingezogen.“ Bei ihr führte das zum dramatischen Ergebnis: Essstörung.
Was bislang wie ein gesellschaftliches Problem unter vielen behandelt wurde, landet nun auf der juristischen Bühne. Und das mit voller Wucht.
Die Sucht ist kein Zufall – sondern System
Psychische Probleme bei Jugendlichen nehmen seit Jahren zu. Viele Experten sehen einen klaren Zusammenhang mit sozialen Medien. Das Problem sei nicht nur, was dort zu sehen ist – sondern wie es gezeigt wird.
Dauerhafte Reize, automatische Videostarts, unendliches Scrollen, personalisierte Vorschläge: Alles in der App ist darauf ausgerichtet, dass Nutzer*innen nicht aufhören können. Und genau das, so sagen Anwälte der Betroffenen, sei kein Nebeneffekt, sondern Absicht.
Der Psychiatrie-Professor Vahibav Diwadkar erklärt es so: „Das Problem mit Social Media ist, dass es bestimmte Abhängigkeitsmechanismen im Gehirn nutzt, die dazu führen, dass man ständig nach Neuem sucht.“
Wenn das Design der Apps gezielt auf maximale Nutzungszeit programmiert ist, könnte das mehr sein als nur cleveres Marketing – nämlich eine Mitschuld an echten Erkrankungen.
Tausende Klagen – und ein Prozess, der alles verändern kann
Insgesamt laufen in den USA mittlerweile Tausende Klagen: Von Eltern, Schulbezirken, Bundesstaaten. Alle mit dem gleichen Vorwurf: Die Plattformen fördern psychische Erkrankungen bei Jugendlichen – und tun zu wenig dagegen.
Weil so viele Klagen eingegangen sind, wurde ein Teil davon zu Musterprozessen gebündelt. Der Gedanke: Ein paar exemplarische Verfahren sollen zeigen, wie Richter und Geschworene urteilen. Je nachdem, wie die Prozesse ausgehen, könnte das Milliarden kosten – oder die ganze Debatte abwürgen.
Einige Firmen wie TikTok (Bytedance) und Snapchat (Snap) haben bereits Vergleiche geschlossen, ohne dass die genauen Summen bekannt wurden. Sie stehen im ersten Prozess deshalb nicht mehr vor Gericht – aber in späteren könnten sie wieder auftauchen.
Kommentar: Social Media als legaler Dealer?
Die Sache ist unbequem – und dringend nötig. Die Verteidigung der Konzerne, man sei „um Sicherheit bemüht“, wirkt angesichts steigender psychischer Probleme bei Jugendlichen zynisch. Wenn das Geschäftsmodell darauf beruht, Nutzer*innen süchtig zu machen, dann sollte man sich nicht wundern, wenn das irgendwann Konsequenzen hat.
Vielleicht ist dieser Prozess der erste ernsthafte Versuch, die digitale Verantwortungslosigkeit in reale Verantwortung zu verwandeln. Und es wird Zeit. Social Media ist längst kein lustiger Zeitvertreib mehr – sondern für viele Jugendliche ein Risikofaktor. Wenn die Justiz das jetzt erkennt, wäre das keine Klagewelle. Sondern ein Weckruf.
Quelle: tagesschau.de




